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Mittwoch, 8. Mai 2019

30. Oderumfahrt



Fahrtenbericht zur 30. Oder-Umfahrt vom 27. April bis 03. Mai 2019

Und schwups! Schon isset vorbei und alle ham se braune Gesichter und braune Hände, obwohl die Sonne sich eher mittelmäßig blicken ließ. Seis drum. Det war ne schaue Nummer und der Frauenanteil auf dieser 30. Oder-Umfahrt hat sich dramatisch um 50% erhöht. Ganze zwei Damen haben sich neben 14 Männern in die Stemmbretter geschwungen! Ne bunte Mische waren wa, da es sich bei dieser TiB-Tour um eine Einladungstour handelt. Da hat der jute Udo Frieske all seine Lieblingskameraden aus Jahrzehnten Ruderei zusammengebracht mit dem Ziel die Tradition aufrechtzuerhalten und natürlich Kilometer zu sammeln 😜 
Mit am Start waren neben bewährten TiB’lern, Herrschaften vom Richtershorner Ruderverein, von Turbine Grünau, vom RC Birkenwerder, ein Herr aus Schwerin und auch zwei Dänen aus dem Roklubben Viking. Bis auf meine Wenigkeit und Kay von Turbine ham se die Tour alle schon mehr als mehrmals mitjemacht. Die Spree, die Havel und die Werlsee sollten unsere Boote werden.
Jens kann es kaum noch erwarten


Tag 1: Samstag, 27. April 2019, 59km
08:00 Uhr. Das Wassersportzentrum füllt sich mit Damen und Herren, welche letzte Packvorkehrungen vornehmen, ein kleines Frühstück zwischen die Beißer schieben, zu spät kommen oder spontan absagen. Letztere tauchen natürlich nicht im Bootshaus auf. Auto plus Anhänger werden mit Sack und Pack gefüllt. Den ersten Landdienst übernimmt der Herr Fahrtenleiter Udo. Bevor es in die Boote geht findet eine kleine Überraschungsrunde statt. Die „30. Oder-Umfahrt“ steht auf jeder der zudem namentlich versehenen roten Mützen, die uns Udo in die Hände drückt. Unsere Ohren sollten auf dieser Fahrt somit definitiv warm bleiben und für Schuhüberzieher wird auch gesorgt, sodass nasse Füße von vornherein ausgeschlossen werden können. Beide Utensilien werden sich auf der Fahrt noch bewähren.
gleich wird abgelegt
Nach der Bootseinteilung werden die Boote zu Wasser gelassen und die lange Reise beginnt. Erste Station noch in heimatlicher Nähe ist der Richtershorner Ruderverein, wo das erste Bier die Speiseröhre hinabwandert und das ausstehende Frühstück nachgeholt wird. Als wir von der Dahme auf den Oder-Spree-Kanal gelangen, wächst das Gefühl, dass es nun richtig losgeht. Die erste Schleuse kommt in Sicht. Zwei weitere werden wir an diesem Tag noch passieren. Es gibt nämlich eine große Neuerung auf dieser Tour. Die erste Übernachtung soll nicht in Fürstenwalde stattfinden, sondern eine Station weiter in Kersdorf, wo uns während der Einfahrt in die Schleuse Udo feierlich begrüßt. In einem herrlich eingerichteten Café direkt bei der Schleuse bekommen wir unser Abendessen. Es gibt hausgemachte Linsensuppe und Quiche. Ein Traum. Die Übernachtung findet in einem beschaulichen Ferienhaus mit ECHTEN Betten statt. Bevor ein jeder zur Ruhe geht, wird draußen noch etwas beisammengesessen und Pläne für zukünftige Rudertouren geschmiedet. Die Ruderer sind von der Hospitalität mehr als angetan.
endlich auf dem Wasser
"Ruderer lang"

Tag 2: Sonntag, 28. April 2019, 66km
Um 07:30 Uhr erwartet uns im Café an der Kersdorfer Schleuse ein feines Frühstücksbüffet mit frischen Brötchen, Aufstrichen, Müsli, Kaffee und Saft. Der körperlichen Anstrengung wird hier durch die liebevoll angerichteten Teller entgegengewirkt. Vielen Dank dafür! An diesem Tag erreichen wir die Oder und passieren Eisenhüttenstadt. Die Landschaft ist gesäumt mit industriellen Bauten, welche teilweise dampfende oder zischende Geräusche von sich geben, wobei Keule meint, dass es erstaunlich leise sei. Eine erschreckend tiefe Schleuse erwartet uns in Eisenhüttenstadt. Es dauert ein Weilchen bis wir den tiefsten Punkt erreichen. Bis dahin werden wie immer in einer Schleuse Fotos geschossen oder Klopfer vernichtet.
Die Mittagspause findet noch auf dem Oder-Spree-Kanal im Restaurant „Zum Kietz“ bei Fürstenberg statt. Riesige Schnitzel werden hier aufgefahren, ebenfalls sehr zu empfehlen ist der Spargel mit Sauce Hollandaise. Nachdem der Hunger gestillt und das ein oder andere Dessert verspeist wurde, geht es wieder in die Boote. Es sind nur noch 30km bis zum Ruderverein in Frankfurt (Oder) bei Kilometer 584. Die Boote werden hier direkt im Wasser gelassen, denn uns erwartet ein morgendliches Wecken um 03:30 Uhr. Manch einer genießt sein Abendessen und schmiert sich sein Stullenpaket für den morgigen Tag. Ein richtiges Pausieren soll es erst nach den 80 km Oder stromabwärts geben. Dieser Abend währt deshalb nicht allzu lang. Die meisten gehen bereits 22 Uhr zu Bett.

Kanal, Kanal und immer noch Kanal

eine von vielen Schleusen

Tag 3: Montag, 29. April 2019, 108 km
01:45 Uhr. Welch ein Horst hat seinen Wecker auf diese Uhrzeit gestellt?! Udo springt auf und macht das Licht an: „Aufstehen!“ Say what?! Nach einem Uhrzeitabgleich geht das Licht wieder aus: „Weiterschlafen!“ Doch ein Einschlafen ist kaum noch möglich. Niemand hat sich bis dato geoutet seinen Wecker falsch gestellt zu haben. In müder Stille nimmt jeder sein Frühstück zu sich. Die Boote legen um 05:00 Uhr in der Morgendämmerung ab. Ein magischer Schleier liegt über der Landschaft, als die Boote in die Oder einbiegen. Noch ist alles still. Ein bewölkter Himmel und eine wunderschöne Landschaft begleiten uns den ganzen Tag. Um acht Uhr erreicht der Tag seinen Helligkeitshöhepunkt. Erste Tropfen fallen hernieder, welche sich irgendwann in einen bestätigen Regen verwandeln. Kein Problem. Bis sich ein aufbrausender Wind aus dem Norden dazugesellt und unsere Boote arg ins bremsen bringt. Hatte man mir von einer schnellen Tagestour mit 12 bis 15 km/h erzählt, stellt sich unsere Geschwindigkeit auf etwa 8 km/h ein. Für die ersten 40 km brauchen wir geschlagene 6 Stunden! Zwar hört der Regen irgendwann auf, aber der Gegenwind ist unablässig. Erst bei Kilometer 667 können wir endlich in den Kanal zur Schleuse in Hohen Saaten abbiegen. Welch eine Erleichterung! Der Kampf gegen Wind und Wellen hat endlich aufgehört! Als sich die Schleusentore öffnen, scheinen wir im Paradies zu landen. Der mit Wolken bedeckte Himmel weicht warmem Sonnenschein. Das Wasser ist still. In Oderberg begrüßen uns Christian und Hilmar mit leckerem Kuchen vom Bäcker. Mit wackligen Beinen steigen wir aus dem Boot und machen uns auf weitere 16km bereit. Die Landschaft bleibt traumhaft bis zum Schiffshebewerk Niederfinow. Wunderschöne Gärten und niedliche Häuser säumen den Oder-Havel-Kanal. Nachdem die beeindruckende Konstruktion des Hebewerks bewundert wurde und wir 36 Meter hochgeschleust wurden, ziehen sich die letzten 8 km eine kleine Ewigkeit. Gegen halb acht erreichen wir den Kanuverein Eberswalde. In der Küche flackert ein warmes Kaminfeuer, während wir unser Abendessen zu uns nehmen.

kleiner Zwischenstopp zwischen den Buhnen, die Oder hatte sehr wenig Wasser
Schiffshebewerk Niederfinow
Wir hatten mit dem Wetter echtes Glück - meistens jedenfalls
Tag 4: Dienstag, 30. April 2019, 58km
07:00 Uhr. Mit steifen Gliedern erheben sich die Ruderer, um die letzte Tagesetappe vor unserem wohl verdienten Ruhetag anzutreten. Nach einem Frühstück mit frischen Brötchen geht es weiter auf dem Oder-Havel-Kanal, welcher sich ein Weilchen zieht. Um Abwechslung zu gewinnen entscheidet sich die Werlsee auf einen Abstecher über den wiedereröffneten Werbellinkanal, welcher sich mit schmalen Brücken in angenehmen Windungen durch eine naturbelassene Landschaft zieht. Keule freut sich wie Bolle über sein Neuwasser. An der Schleuse zum Langen Trödel treffen sich die Boote wieder. Das Neuwasser geht für einige Ruderer hier weiter. Der Lange Trödel schlängelt sich durch eine schöne Baumlandschaft. Wir passieren einige Brücken mit einer Höhe von 1,5 m, wo der ein oder andere ängstlich den Kopf einzieht. Hängen bleibt keiner. In einer Imbissbude in Liebenwalde wird Gulasch oder eine Bratwurst getilgt. Die über die Menge der Ruderer überraschte Küchenfee schafft es nach einer Weile alle Mägen zu füllen. Nach einer Handschleusung gelangen wir wieder auf den Oder-Havel-Kanal. Allen voraus die Havel. Schließlich gelangen wir zur Schleuse Oranienburg, wo ein Boot nach dem anderen geschurrt wird. Fingerspitzengefühl des Steuermanns ist hier gefragt, da der Eingang zur Schurre recht schmal ist. Nun gilt es nur noch drei Kilometer über den Lehnitzsee zu rudern bis wir freundlich von Frank und Eric vom Ruderclub Oranienburg empfangen werden. Die zwei helfen dem unkoordinierten "Pack" die Boote aus dem Wasser zu tragen, diese schließlich abzuriggern und auf einen Anhänger zu montieren. Aufgrund einer Bombenbergung kann zurzeit kein Ruderboot zwischen Oranienburg und Birkenwerder passieren. Die Boote werden dankenswerterweise von unserem Mitruderer Christian zum Birkenwerder Ruderverein transportiert. Da der Ruhetag auf einen Feiertag fällt, geht Landdienst Thomas essentielle Einkäufe für den morgigen Tag tätigen. Was an diesem Abend alle höchst erfreut: Es gibt Pizza! Für alle aus der Fahrtenkasse gesponsert! Da lässt sich keiner auf die Füße treten. Auch nicht der liebe Keule, der sich mit seiner 80cm-Durchmesser-Pizza wohl etwas überschätzt hat. Es gab einiges an Gelächter und unsere Dänen spendieren nen Packen Dosenbier als Neuwasserlage. Als die letzten Sonnenstrahlen die Landschaft verlassen, sammeln sich die Ruderer im Hafen-Büro. In dem kleinen Schuppen tummelten sich wohl noch nie so viele Leute. In der Ecke ein kleiner Gasofen. In der kuschlig-lauschigen Atmosphäre werden Geschichten über die Vergangenheit ausgetauscht. Insbesondere über die Anfänge der Oder-Umfahrt gibt es viel zu berichten. Sehr beeindruckend, wie alles anfing. Ohne Landdienst, mit pitschnassen Baumwollzelten, mit Grenzposten auf schwimmenden Stegen, herzlicher Gastfreundschaft und einem Ausschöpfen der Boote im 500-Meter-Takt.

Tag 5: Mittwoch, 01. Mai 2019, Ruhetag
08:00 Uhr. Die Rudergemeinschaft ist höchsterfreut über den freien Tag. Ab geht’s in die Sauna für den Großteil der Meute. Hier werden die Glieder bis ins Mark durchgeheizt und die Haut im Blubberbad abgeblubbert. Andere setzen sich tatsächlich ins Ruderboot – the show must go on! – oder man geht Oranienburg erkunden, passiert einen Marathon, und sitzt stundenlang im Hafenrestaurant. Alles dabei. Klar ist, dass abends alle wieder beieinandersitzen und sich Fleisch vom Grill zugute führen. Auch dieser Abend endet im lauschigen Hafen-Büro der Oranienburger, wo über aktuelle Bauvorhaben der Bundesregierung philosophiert wird oder die Strecke der kommenden TiB-TiB-Tour durch Berlin analysiert wird.

chillen am Wasser

Tag 6: Donnerstag, 02. Mai 2019, 32km
07:00 Uhr klingeln zehn Wecker gleichzeitig. Frühstück. Auto beladen und ab die Post zum Birkenwerder Ruderverein, wo in erstaunlich flüssigen Bewegungen die Boote für den Tag prepariert werden. Heute wird’s chillig. Vorbei an versunkenen Schubern, die die ehemalige Grenze darstellten ist der erste Halt der RCP Saffonia, worüber sich unsere zwei Dänen Peter und Bjørn besonders freuen, da dies ihr Verein in Deutschland ist. Hier gibbet Bockwurscht mit Senf und Schrippe und eine erstaunlich lange Pause. Perfekt, um sich über das Reisen auszutauschen und Witze zu reißen. Als es dann weitergeht zum RC Tegelort bleibt es nicht aus, dass unsere geliebte Claudi beim Boot vom Steg wegdrücken ins Wasser plumpst! Mit der schweren Steuermannsjacke an erhält sie zum Glück augenblicklich Hilfe aus ihrer Mannschaft und wird aus dem Wasser gezogen. Und glücklicherweise hat sie auch ausreichend Wechselklamotten bei. Letztlich ham wa alle ordentlich drüber lachen können. Is ja sonst auch mega langweilig die Tour jewesen. Allet läuft reibungslos, alle Schleusen schalten auf grün, sobald wa se erreichn, der Zeitplan wird die janze Zeit einjehalten – endlich ham wa ma wat zu erzähln hier 😜 Definitiv hat Claudi mit ihrem Outfit, dass se danach anhatte den „Contest of the am dicksten und buntesten angezogenen Steuermann“ gewonnen! Einfach 1A 😆
Nächster Halt dann RC Tegel wo eine neue Wirtschaft uns mit Leberkäs, Kartoffeln mit Quark, Boulette mit Bratkartoffel und einem deliziösen Rhabarber-Streuselkuchen verköstigt. Schließlich drehn wa noch ne Runde um die Zitadelle Spandau und landen nach der Schurre in Spandau auf der Havel. Letzte Übernachtung dann bei unseren Freunden in TiB Tiefwerder. Thomas begrüßt uns und heizt für uns Haus und Hof ordentlich an. Sowohl der Ofen lodert, als auch die Feuerschale draußen, wo die letzten Knabbereien gefuttert werden, die bisher nur hin- und herkutschiert wurden. Jeder bündelt nochmal seine Kräfte für die letzte Tagesetappe.

an der Zitadelle Spandau

Tag 7: Freitag, 03. Mai 2019, 55km
07:00 Uhr. Nach `m letzten gemeinsamen Frühstück legt ein Boot nach dem anderen ab. Man grüßt Herrn Lehmann und landet schließlich aufm großen Wannsee, wo uns die Wellen doch ganz schön zu schaffen machen. Nach den ersten 14 km finden sich die Boote wieder auf’m kleinen Wannsee. Hier ist das Wasser schlagartig ganz ruhig. „Grade Sitzen! Die Wasserschnüffelpatrouille ist im Anmarsch!“, befehligt uns Steuermann Kay. Beim SchülerInnen Ruderverband warten wir etwas länger auf die Havel, die schwer im Wasser liegt und einige Wellen abbekommen hat. Als alle Boote wieder beisammen sind, wird die letzte Schleuse der Etappe in Kleinmachnow anvisiert. Hier haben alle Ruderer die Gelegenheit sich ein paar Brote zu genüge zu tun oder im Gebüsch zu verschwinden. Etwa eine halbe Stunde warten wir, bis die Ampel grün wird. 
warten auf Grün an der Schleuse Keinmachnow
Es heißt nun vornehmlich Teltow-Kanal, Teltow-Kanal, Teltow-Kanal. Kurz wird darüber nachgedacht die Mittagspause im Tempelhofer Hafen zu streichen, was jedoch vehement abgeschlagen wird. Im Hafenbecken kehren wir im türkisch anmutenden Marti-Fischrestaurant ein. Dorade und weiteres vom Grill wird hier empfohlen und von dem warmen Fladenbrot kann ich gar nicht genug bekommen. Eine gute Entscheidung hier noch einzukehren und die Tour Revue passieren zu lassen. Als wir nach letztem Steuermannswechsel bei Wiking schließlich in den Endspurt Spree abbiegen, begrüßen uns sich aufwiegelnde Wellen von allen Seiten. Welcome home! Nach dem Schi-Scha-Schaukel-Trip über die Spree gelangen wir an unseren Heimathafen genau zum Ende des Trainings unserer Junioren. Welch eine Freude die jungen Freunde wiederzusehen! Nun gilt es die Boote noch auf Vordermann zu bringen und eine Mängelanalyse vorzunehmen. Fix und fertig verabschieden wir uns voneinander. Auf ein Neues und bis bald! Die Tour hat nun ihr Ende gefunden und jeder von uns trägt 385km mehr aufm Buckel.
Aufregend war’s. Körperlich, wie geistig. Richtig gut sind se im Meckern, Glauben und Besserwissen die Herrschaften, aber auch im Lachen, Witze reißen und herzlich und hilfsbereit sein. Danke an euch alle für diese einzigartige Tour! Bin gerne wieder dabei! Ein ganz besonderer Dank geht an Udo für die tolle jahrelange Organisation dieser mächtigen Tour! Wer wird nur in deine Fußstapfen treten? Denn noch einmal möchte der Gute das nicht übernehmen. Wäre zu schade, wenn diese Tour abgeblasen werden müsste. Freiwillige vor!
Und ich appelliere an die junge Generation und die Damen der Rudergemeinschaft. Macht mit! Die Fahrt lässt an persönliche körperliche Grenzen stoßen und ist gleichzeitig für jeden, der gerade in einem Boot sitzen kann, überaus machbar. Die Landschaft ist abwechslungsreich und birgt viele Geschichten, die uns die Alten gerne erzählen. Und wem können die Alten die Geschichten erzählen, wenn keiner von uns da ist? Und wer soll eine frische Brise zwischen die Reihen der Alten wehen, wenn kein Wind aufkommt?
nach so viel Kilometern darf man sich auch mal strecken

2019 © Undine Habermann

Mittwoch, 22. März 2017

Die verrückte Reise von Berlin nach Bremen von Keule und Peter

„Nicht all Zuviel“ sagte ich, als mein Ruderkamerad Peter Bock fragte, was ich von einer Rudertour von Berlin nach Bremen halte würde.
Die Erfahrung hatte uns bereits gelehrt, dass es auf dem Mittellandkanal für ein Ruderboot zu haarsträubenden Szenen kommen kann. Weil die Berufsschifffahrt offiziell 12 km/h und die Skippergilde 16 km/h fahren dürfen kommt es manchmal zu gefährlichen Mehrfachbegegnungen auf dem Kanal. Allerdings waren zwei Sahnehäubchen nicht zu verachten. Das waren die Tragbrücke über die Elbe, und die Tragbrücke über die Weser, also sagte ich für die Fahrt zu. Dazu ruderte ich den Iltis (Zweier ohne) von Rauchfangswerder zum Bootshaus der TiB- Oberspree und ließ ihn dort nach vorheriger Absprache mit der TiB über Nacht liegen.

Nachmittags am 12.08.2016 ging es dann los.
Boot rein; Gepäck rein; Proviant rein und noch schnell Getränke rein…
„Der liegt aber tief“ denke ich. Dann stiegen noch zwei weitere Ruderer ein. Donnerwetter - jede noch so kleine Welle fließt ungehindert in das winzige Boot und bis nach Bremen sind es immerhin noch 500 km.
Zum Glück lässt sich Peter überreden bei RV Wiking nochmal anzulegen. Dort wandern meine Getränke vom Heck in den Personalbereich, wo diese in den folgenden Tagen schnell dezimiert werden. Dann erreichten wir unser erstes Tagesziel in Klein-Machnow, wo ich noch ein großes Gepäckstück zurückließ, um dem kleinen Boot mehr Auftrieb zu verleihen. Wir waren Freitag nach Feierabend gestartet, weil wir die ersten Tage etwas in Eile waren, denn Peter hatte durch einen Geniestreich eine Genehmigung zur Überquerung der Elbe-Trogbrücke erhalten. Diese galt zwar nur für Montag den 15.08.2016 - somit galt "Volle Fahrt voraus".

Peter und der ILTIS

Zweiter Tag Plaue. Dort konnten wir telefonisch keinen Quartiermeister finden und schliefen in schönster warmer Sommernacht neben unseren Getränkeresten.
Tag 3: Paddelverein in Burg.
Und dann Tag Vier (Montag): Wir warten vor der Schleuse Hohenwarthe. Diese ist die letzte Barriere vor der Trogbrücke über die Elbe.
„Wir sind angemeldet“ sagt Peter. „ Seid ihr schon mal geschleust?“ fragt der Beamte. „Ja“ sagt Peter. „Wo ist denn Euer Boot? „Es ist das Kleine hinter uns“ .
„Bleiben Sie dran, ich muß mich erkundigen!“



Etwa eine Stunde später dürfen wir als letzte einfahren, aber nicht festmachen. Also trieben wir während der Schleusung hin und her, wobei unsere Position immer mit den Rudern korrigiert wurde. Und dann ging es los. Interessant war es gemeinsam mit Schifffahrt, in dem Fall 7-10 Meter Motoryachten, über die Elbe-Trogbrücke zu fahren. Die Spundwände sind nämlich voll glatt, und der Iltis (unser Boot) hüpfte mit uns wie ein Korken über die immer wieder zurückgeworfenen Wellen.

Fünf Kilometer misst der Kanal mit seiner Brücke. Ein Foto konnten wir nicht machen, denn es ist verboten anzuhalten und wir sind sowieso schon die Langsamsten.
So ging es direkt in den Mittellandkanal und dieser  wurde für einige Tage unsere Heimat. Sollte jetzt jemand denken die Tour wäre langweilig? Hierzu ein paar aufregende Wegdaten: Britzer-Zweigkanal; Teltowkanal; Sacrow-Paretzer-Kanal; Elbe-Havel-Kanal; Roßdorfer-Altkanal; Mittelland-Kanal und letztlich ein halbes Dutzend Schleusenkanäle auf der Weser, welche auch schon mal 10 Kilometer lang sein können.

Der Landdienst (Neffe von Peter) war eigentlich nur zur Rücküberführung des Bootes eingeplant. Nachdem aber seit dem zweiten Tag recht unrühmlich mein Hinterteil schmerzte,  und von den mitgeführten sechs Rollsitzen keiner mehr Abhilfe schaffen konnte, wurde der Landdienst nach Haldesleben gebeten, wo auf dem Kanugelände unser Zelt stand. So erhielten wir zwei Spezialrollsitze die uns von da an etwas Erleichterung verschafften.

Auf den etwa 220 Kilometern die wir den Mittellandkanal befuhren, trafen wir viele Sportfreunde und kurz gesagt, alle Unbekannten und Rudersleute waren hilfsbereit, freundlich und sorgten immer für Übernachtungsmöglichkeiten obwohl wir nie angemeldet waren. Danke an Alle, einschließlich dem Motorbootclub Fallersleben, wo wir schon zum Zweiten mal mit frisch gezapftem Bier versorgt wurden. Und das Gratis!
Auch bei Normanis-Braunschweig gab es Bier von Manfred und Bodo.

Auf dem Kanal sieht man jederzeit mehrere Brücken gleichzeitig. Etliche Flüsse, Bäche und Straßen führen unter ihm hindurch. Peter, der als Einsmann die komplette Strecke von Anfang bis Ende durchstöberte passte auf wie ein Luchs. So halten wir häufig an Buchten oder breiten Stellen an, um einer Begegnung mehrerer Transportschiffe auszuweichen. Irgendwann neigte sich unsere Fahrt zumindest auf dem Mittellandkanal ihrem krönendem Abschluss. Der Trogbrücke von Minden.

Diese ist einfach und ohne irgendwelche Anweisungen oder Genehmigungen  befahrbar. Ja es ergab sich sogar, dass die alte Brücke ausschließlich nur für Ruder- und Paddelboote freigegeben ist, während die Schifffahrt ungehindert über den Trogbrückenneubau fahren kann. Wir konnten uns kaum sattsehen an diesem großartigen Bauwerk.


Also ruderten wir über die alte Trogbrücke, dann über die Neue wieder zurück und wieder über die Alte, an dessen Ende sich der Ruderverein von Minden schmiegt.
Von dort aus erkundeten wir die gesamte Anlage noch einmal zu Fuß. In Sichtweite ging es gleich danach durch die wunderschöne Schachtschleuse von Minden nach unten zur Weser, die wir ja gerne überquert hatten. Für die letzten 150 Kilometer auf der Weser war noch eine knappe Woche übrig, und wir plagten unser Sitzfleisch mit eher kleinen Etappen. In den Rudervereinen Stolzen, Nienburg und Hoya wurden wir kurzfristig und herzlich aufgenommen. Alle genannten Städte haben wundervolle intakte Altstädte und wurden von uns kulinarisch getestet.
Als letzte Übernachtung vor Bremen hatten wir den RV-Achim als Geheimtipp aus dem Ärmel gezaubert. Beim Anlegen in dessen kleiner Bucht, ergab  es sich, dass die Deiche hier im Norden schon recht hoch sind. Die Treppenstufen sahen aus als würden sie direkt ins Walhalla führen, nur etwas steiler als diese. Also fuhren wir noch einen Kilometer weiter und machten beim Segel- und Paddelverein Achim fest. Auch hier steile Wände. Mit letzter Kraft unter Knurren und Murren wird der Iltis auf den Campingplatz geschleppt. Ich stecke mein Flagge ins Heck, damit Jugendliche in Feierlaune nicht mit dem Auto drüberfahren.

Alles geht Gut.
Bei der letzten Etappe liegen wir vor der Weser-Gezeitenschleuse. Rote Ampel. Riesige Freizeitschiffe fahren trotzdem ein. Wir dann auch. „Langsamste Schleuse Deutschlands“ sagt man uns.

Ein älterer Herr im James Bond Look rät mir ihn vorbeizulassen damit uns nichts passiert. Ich rate ihm lieber hinter uns zu bleiben, damit IHM nicht passiert. Irgendwann sind wir durch die Schleuse und rudern in der Augusthitze die letzten vier Kilometer bis zum Bremer Ruderclub-Hansa.
Jetzt haben wir alle Zeit der Welt.

Jedes Brett und jeder Gegenstand wird aus dem Boot genommen. Wir holen einen Wagen. Der völlig leere Iltis wird aus dem Wasser genommen - ist doch gar nicht so schwer.
Im BRC-Hansa treffen bald erste Leute ein. Das Haus beherbergt eine gut funktionierende Wirtschaft. Auch in den beiden Nachbarvereinen ist was los. Es wird gerudert. Irgendwo fehlt ein Ruderer im Achter. Ich verpetze Peter und so muss er im Rennachter eine ordentliche Trainingseinheit absolvieren. Und das in der Gluthitze und den gerade erst geruderten 540 Kilometern. Übrigens - ohne einen Tropfen Regen.
in Bremen angekommen

Der Landdienst kann uns erst am Wochenende abholen, so dass wir noch drei Tage Zeit haben die Stadt Bremen zu erkunden. Auch hier wieder eine überraschend schöne Altstadt. Auffallend viel Fahrradverkehr führt über ein gut ausgebautes etwas verwirrendes Netz von Radwegen. Nach insgesamt zwei Wochen wurde dann am Samstag der Iltis und seine Mannschaft abgeholt. Noch eine Woche später als die Schmerzen nachliessen, konnte ich dann auch sagen „gut das man’s mal gemacht hat“!


2016 © Marian (Keule) Michael

Donnerstag, 9. Juni 2016

27. Oderumfahrt

Udo hat zur traditionellen Oderumfahrt gerufen. Da ich diese Fahrt noch nicht kenne will ich dieses Jahr erstmalig teilnehmen. Gleich vorweg - ich habe etwas Sorge das ich die Tour nicht durchhalte, da sie doch extrem lang ist.
Am 25. April 2016 trafen sich alle Teilnehmer im Bootshaus der TiB Oberspree. Wir hatten bereits an dem Wochenende zuvor alles vorbereitet. Bootscheck, Positionslichter, Werkzeug- und Verbandskoffer - man weiß ja nie.
Die Mannschaft bestand aus: Hansi aus Halle, Roman vom Ruderclub Anklam,  Peter und Björn aus Dänemark sowie Andreas, Herbert, Klaus,  Fahrtenleiter Udo, Thomas, Keule, Jens und meiner Wenigkeit Helge. Später kam noch noch Frank dazu und ersetzte Hansi.

erstes Gruppenbild bei Richtershorn

Unsere erste Etappe führte uns über bekannte Gewässer: Dahme, Seddinsee und Oder-Spree Kanal bis zur Wernsdorfer Schleuse. Ab hier habe ich Neuwasser.  "Das Wetter scheint uns wohl gesonnen." sag ich. Im Sonnenschein gleiten wir den Kanal hinunter.
Doch nur kurz darauf hätte ich mich ohrfeigen können für diese Bemerkung. Der Wind frischt auf und bringt uns zum bibbern. Doch damit nicht genug fängt es an zu regnen.
Die Sibirischen Winde haben es in sich. Der Regen wechselt zu Graupel und "schneit" uns quasi ein. Doch wir rudern weiter den Kanal runter bis Fürstenwalde. Endlich angekommen klart das Wetter auch wieder auf. Hier parken wir die Boote beim Ruderverein Fürstenwalde.
Der Werkzeugkasten findet direkt abends noch seinen ersten Einsatz. Ein Rollsitz will nicht mehr so wie wir es wollen.

Rollsitz will nicht mehr
Unser Quartier in der ersten Nacht

Skulls


In der Stube bei Fürstenwalde

Am nächsten Morgen regnet es und die Kameraden wollen nicht so recht auf's Wasser.
Hilft alles nichts. Die Boote werden kurz ausgeschöpft und zu Wasser gelassen. Platsch auf den nassen Rollsitz gesetzt und los geht's in die Zweite Etappe.

Es regnet und wir rudern eisern den Oder Spree-Kanal weiter gen Osten. Wieder 100 Meter. Der Kanal ziiieeeeht sich. Ständige Kilometerangaben am Rand machen die Strecke nicht kürzer. Es regnet nach wie vor. Mal stärker - mal nur Niesel. Aber nicht einmal lässt sich die Sonne blicken. Dazu pfeift immer wieder ein eiskalter Wind durch die durchnässten Klamotten. Diese Etappe ist lang - zirka 84 Kilometer müssen wir bewältigen.

Funktionskleidung 1.0 - benötigt unbedingt ein Update
Pitsche Patsche Nass - Stimmung geht so!

In der Zwillingschachtschleuse in Eisenhüttenstadt angekommen haben wir bereits 9 Stunden im Dauerregen gerudert. Nichts trockenes haben wir noch am Körper. In der Schleuse wird einem ohne Bewegung schnell richtig kalt. Doch zusätzlich pfeift jetzt ein Wind mit Minusgraden über uns hinweg. Zitternd halten wir uns an den Schleusenwänden fest. Doch es geht nicht los. Es dauert ewig bis der Schleusenwart die Tore schliesst und uns die 14 Meter hinunterschleust. Immerhin verzichtet er auf das langwierige Ausgleichsverfahren wofür die Schleuse eigentlich bekannt ist, sondern er macht eine schnelle Schleusung. Mit gutem Tempo geht es bergab.

Kurz nach der Schleuse legen wir wie geplant an und kehren in eine Gastwirtschaft ein. Solche armen Gestalten hatte die Bedienung wohl auch noch nie gesehen. Alle triefend nass und vor Kälte zitternd betraten die Gastronomie. Wegen der nassen Klamotten gab's Stühle mit Handtüchern als Überzug und eine Extra Ecke wo wir in Ruhe uns aufwärmen konnten. Nach einem Lecker-Essen und ein/zwei Grog kehrte wieder Leben in die ausgezehrten Gesichter.
Als wir das Restaurant verließen konnten wir unseren Augen kaum trauen. Die Sonne schien - zum ersten mal heute. Alle wieder in die Boote gehüpft und weiter - jetzt ist es nicht mehr weit bis Frankfurt Oder. Kurz darauf ging es auf die Oder und die Strömung unterstützte uns auf die letzten Kilometer. An der Einfahrt zu unserem Quartier musste man sich nochmal ordentlich gegen die Strömung stemmen, doch die Aussicht auf eine warme Dusche weckte die letzten Reserven in uns.

Nachdem die Boote entladen, jeder ein Plätzchen zum Schlafen gefunden hatten wurde geduscht und ein kurzer Abend noch mit Bier beschlossen. Lange konnten wir nicht aufbleiben. Morgen hieß es um fünf Uhr aufstehen und 108 Kilometer bestreiten.

Wecker klingeln. Die Dritte Etappe kräht.
Es ist 5 Uhr morgens als wir den Steg betreten. Es beginnt gerade zu dämmern – der Mond ist derzeit noch das Hellste am Himmel.
Die Nacht war kalt. Steg und Boote sind vereist. Herbert bemerkt es zu spät und fliegt rücklings auf den vereisten Steg. Autsch. Das tat weh.
Vorsichtig sammeln wir alles zusammen und lassen vorsichtig die Boote zu Wasser.
Die vereiste Bootsleine biegen wir in das Boot und legen mit dem ersten Sonnenstrahl ab.



vereiste Skulls im Vordergrund, Mond im Hintergrund

Vorsichtig tapsen - is glatt

Von kalten Winden begleitet rudern wir die Oder hinab. Das Wetter zeigt sich typisch für den April weiterhin wechselhaft, doch bleiben uns Dauerregen und Graupel heute erspart.

Wir nutzen die Strömung der Oder um zügig voranzukommen. Steuermannswechsel erfolgen mangels Anlegemöglichkeiten fast ausschliesslich auf dem Wasser. Es ist ein Schauspiel das Gekrebse an Bord mit anzusehen.
Aber auch wenn sich Möglichkeiten bieten einmal anzulegen ist das leichter gesagt als getan. Die Strömung ist derart stark das man einen Steg nur schwerlich erreicht.
Sonnenaufgang auf der Oder
Unser Beiboot oder: "Oder" auf der Oder

Am Oder-Havel-Kanal einmal scharf Backbord und wir haben wieder ruhige Wasser.

Auf der "Wriezener Alten Oder" ging es weiter Richtung Schiffshebewerk Eberswalde Finow.
Dort angekommen kam mein persönliches Highlight dieser Fahrt. Das Hebewerk kenne ich noch aus alten Kindheitstagen und weiß wie sehr es mich damals beeindruckt hat. Damals noch als Zuschauer von ganz oben kann ich heute erstmals in dem Bottich nach oben fahren. Ich bin extrem gespannt und teile meine Erfahrung Live auf Facebook mit anderen - die moderne Technik macht es möglich.
Es geht hoch - 36 Meter werden wir nun in dem Bauwerk von 1934 emporgehoben samt den 4290 Tonnen die der Trog samt Wasser wiegt. Nur 256 Stahlseile halten dieses Monster. Wer mehr zu dem Hebewerk erfahren möchte, dem sei der sehr umfassende Wikipedia Artikel empfohlen.

Links das alte Schiffshebewerk, Rechts das Neue im Bau
Im Schiffshebewerk - icke gerade am Live streamen

Blick nach oben

Ein bisl fertig sind wa schon nach ca. 100km heute

Ausfahrt Schiffshebewerk Eberswalde/Finow
Auf dem Oder-Havel Kanal oben angekommen geht es nur noch ein kurzes Stück bis Eberswalde.
Im dortigen Kanuklub Empor gastieren wir und feuern als erstes den Kamin an um die nassen Sachen erneut zu trocknen und nicht zu letzt uns selbst zu wärmen. Bei Bier und Schnaps (Neuwasser - ständig) gratulieren wir uns gegenseitig die längste Etappe von 108 Kilometern überstanden zu haben. Aber auch die erfahrenen Umfahrt-Teilnehmer sind sich einig - so hart wie dieses Jahr war es noch nie.
Foto ist selbsterklärend - oda?

Auf den Matratzen im Kraftraum und den Umkleiden verteilen wir uns uns bereiten uns auf den nächsten Tag vor.  Aus jetztiger Sicht ein kurzes Stück bis Oranienburg.

Die Vierte Etappe startet trocken (Das muss hier wirklich hervorgehoben werden). Am Steg versammeln sich alle für ein schönes Gruppenfoto und dann geht es in die Boote.




Gruppenfoto (nur icke fehle -muss knipsen)

Auf dem in den letzten Jahren extrem verbreiterten Kanal ist es nicht ganz so spannend wie in natürlich belassenen Gewässern - aber immerhin sind wir über eine Bahntrasse gerudert (leider sieht man das aus dem Boot nicht - da wäre mal eine Drone nett gewesen).

Ich merke das die langen Etappen nicht spurlos an mir vorüber gegangen sind. Mein Handgelenk schmerzt -Sehnenscheidenentzündung vermute ich. Das drehen der Skulls wird zunehmend schwieriger und mein Gelenk wird sichtbar dick. Mist!

Es hilft alles nichts - ich muss mit stehendem Blatt fahren. Das ist extrem nervig, weil man doch das ein oder andere mal an einer Welle hängenbleibt.

Wir erreichen die nächsten Schleuse. Hier ist schurren angesagt. Wir versuchen das Boot an einem Pfeiler bereit zu halten. Die starke Strömung von der Schleuse macht uns das nicht einfach. Als die "Spree" fertig übergesetzt hat dürfen wir mit dem Modulboot "Oder" einfahren. Als Fünfer+ ist es etwas zu lang für die Schurre und wir müssen die Spitze von Hand tragen um dem Boot keinen Schaden zuzufügen. Nach einigen Keilereien wie man es richtig macht sind wir nach wenigen Minuten trotzdem wieder auf Kurs und haben unbeschadet den nächsten See erreicht.

Ich darf vorzeitig wieder auf den Steuerplatz um meine Hand zu schonen. Wir steuern auf Oranienburg zu und legen am Steg an. Im Vereinssaal ist der Ofen schon gut am böllern und wir suchen uns alle unsere Ecke auf dem Boden. Zum Klönen ziehen wir rüber in das "Hafenbüro". Dort feiern wir sehr ausgelassen und lange, denn jeder weiß - morgen haben wir frei.

Steg Oranienburg
im Hafenbüro
Keule und Icke


Keule und Udo

Was man an solch einem Abend alles erfährt ist in einem Text gar nicht schnell wiederzugeben. Was aber direkt mit dieser Tour ein interessanter Aspekt war ist, das diese Tour nur durch den Mauerfall geboren wurde.
Ursprünglich war die Idee in den 80er Jahren mit Ruderkameraden von der TiB (damals KWO) geboren worden. Frank wollte zu seinem Grundstück bei Oranienburg rudern. Leider war das einem durch die Berliner Mauer verwehrt. Eine alternative Route hätte alle Dimensionen gesprengt.

Doch kaum war die Mauer im November 1989 gefallen war die Idee wieder zu Leben erwacht und bereits im April 1990 mit den ersten wärmeren Temperaturen startete die erste Oder-Umfahrt. Am Nieder-Neuendorfer-See kam es dann tatsächlich sogar zu einer Grenzkontrolle auf dem Wasser – die DDR war ja noch existent. Die DDR Grenzbeamten hatte einen Schwimmsteg aufgebaut und ließen die komplette  Bootsbesatzung dort aussteigen. Das Gewicht der vielen Ruderer hatte der Beamte aber nicht mit einkalkuliert und so sank der Ponton mit jedem Kameraden mehr und mehr, so dass der "Sheriff" mit seinem Füßen schnell im Wasser stand. Er ließ lieber schnell wieder alle einsteigen bevor er komplett im Wasser versank. Der sprichwörtliche Untergang der DDR.

Das ist nur eine von vielen Anekdoten die ich hören durfte - doch diese gefiel mir am besten weil sie auch den Ursprung der Fahrt am besten vermittelt (ich hoffe ich habe es halbwegs richtig wiedergegeben - war schon sehr spät an dem Abend).

Am folgenden Tag wurde nicht gerudert sondern wir ließen es und gut gehen und gingen in den Turm - eine Wellness-Oase mit diversen Saunen und Schwimmbädern.
Nur Keule und Andreas wollten lieber auf Welle sein (auf Achse kann man ja nicht sagen) und verbrachten den Tag lieber mit einer Ausfahrt zum "Schwan" (Restaurant im Ruderrevier Oranienburg).

Alle Anderen genossen die warmen Temperaturen in der Sauna - seit Tagen waren wir unterkühlt gerudert, wurden vom Eiswinden gepeitscht und mussten Stunden in nasser Kleidung verbringen.
Im warmen Whirlpool oder einer Sauna mit speziellem Aufguss erholten sich die Körper von den Strapazen der letzten Tage. (von dieser Etappe gibts logischerweise keine Bilder :-)

Für meine Hand hatte ich inzwischen auch eine spezielle Salbe erhalten die meinem Handgelenk gut tat.

Hansi verließ uns an diesem Etappenziel und reiste mit der Bahn via Berlin zurück nach Halle. An seiner Stelle stemmte ab sofort Frank die Skulls im Boot.

Am Samstag startete dann die fünfte Etappe Richtung TiB Tiefwerder.
Zuerst ging es die Havel weiter hinunter bis zum Ruderclub Oberhavel (RCO). Hier kurze Rast und weiter bis Berlin. Dabei passierten wir die Stelle an der die besagte Grenzkontolle stattfand. Noch heute liegen in den Durchfahrten zum Nieder-Neuendorfer-See die versenkten Schubeinheiten. Diese sollten das durchtauchen verhindern. Auf den "Schwimmhafenwiesen" patrouillierten Hunde und gaben Alarm wenn jemand den Fluchtversuch wagte.

Inzwischen gibt es einen Durchbruch und wir können ungehindert weiter der Havel folgen und kurz darauf unseren nächsten Stopp bei Saffonia halten. Unsere Dänemarker sind dort wohl sogar Mitglied - wenn ich das richtig verstanden habe. Dort jibt's lecker Wiener und Gehopftes.
Da  der Verein kürzlich fusionierte mit dem RV Preussen gibt es auch eine neue Flagge. Diese wurde uns feierlich für unser Clubhaus überreicht.
feierliche Flaggenübergabe bei Saffonia
Anschliessend weiter mit einem Abstecher zum RC Tegel machen, wo wir gemütlich zu Mittag essen konnten. Von der Veranda des Vereins konnten wir Moby Dick sehen – DAS Ausflugsschiff schlechthin in Berlin. Jeder kennt es.
Moby Dick
Wieder ruff uff's Wasser und die Perlenkette von Motorbooten gekreuzt.

Thomas mit seiner Spezialmischung
Abends in Tiefwerder angekommen hatte Axel lecker gegrillt und Thomas für das flüssige Wohl gesorgt. (Unsere Crew in Tiefwerder weiß was es nach so einer Tour braucht!)
Wir saßen noch lange um die Feuerschale und quatschten über Gott und die Welt.
gemütliche Runde bei Tiefwerder

Das klönen rund um die Feuerschale - Tradition!
Sechste und Letzte Etappe: über den Teltowkanal zurück zu TiB. Hier kann ich gar nicht viel berichten, da ich an diesem Tag Landdienst hatte und somit in keinem der Boote mitruderte. Aber ich kann euch aus meiner Erfahrung der letzten TiB-TiB Touren sagen wie schön diese Strecke ist, mit einer wunderschönen Schleuse und am Tempelhofer Hafen haben meine Ruderkameraden wie immer für einen Imbiß gehalten.
Schleuse Kleinmachnow

schön festhalten…




Tempelhofer Hafen
Ich konnte Sie dann in unserem Ruderrevier an den Brücken abpassen und somit auch mal Fotos von ausserhalb des Bootes machen.
Am Heimathafen wieder angekommen mussten die Boote von einer Woche Tour gründlich geputzt werden und das Nachher Foto durfte natürlich auch nicht versäumt werden. 388 Kilometer haben wir gemeinsam in sieben Tagen zurückgelegt. Eine spannende Tour. Eine Tortour. Ein Abenteuer.
Schon fast am Ziel noch eine kurze Pause auf dem Wasser - ich winke vom Ufer

Mit Sonne ist die Stimmung wieder tippi-toppi

Einfahrt in den Heimathafen bei der TiB Oberspree
das besagte Nachher Foto
Vor zwei Tagen dachte ich mir noch - "Warum tust Du Dir das an?" oder "Das machst Du nie wieder!". Doch inzwischen denke ich nur daran welche Klamotten wohl nächstes Jahr praktischer wären um Nässe und Kälte zu trotzen.

2016 © Helge Kubath